StuRa Freiberg

Deine Studentenvertretung

27. Juni 2015

Stura-Vertreter treffen sich mit Dr. Simone Raatz (MdB)

Verfasst von Daniel Irmer

FormatFactoryIMG_0111_editedEin schwieriges Versprechen: Exzellenz in Breite und Spitze

Am gestrigen Nachmittag erstrahlte der Barbarakeller im schönsten Glanz, als wir Frau Dr. Simone Raatz (MdB) samt ihrer Mitarbeiterin, Frau Heike Röthling, empfingen und zu unserer gemütlichen Sitzecke geleiteten. Bei Kaffee und Keksen entwickelte sich eine lockere und aufschlussreiche Unterhaltung über ihre Anfänge in der SPD sowie ihre Zeit an der Bergakademie. Im Verlauf des Gesprächs kamen wir schließlich zu Hochschulpolitik und -entwicklung auf Bundes- und Landesebene.

FormatFactoryIMG_0098_editedKurzbiografie

Mit ihrem Chemiestudium in Halle und ihrer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Bergakademie Freiberger im Bereich Verfahrenstechnik, in der sie promivierte und habilitierte, qualifizierte und bewährte sich Simone Raatz als Wissenschaftlerin. Später arbeitete sie unter anderem als Dozentin am Instituts unseres noch amtierenden Rektors Prof. Bernd Meyer. Parallel dazu legte die Umbruchzeit zwischen 1989 und 1990 den politischen Karrieregrundstein für die heutige SPD-Bundestagsabgeordnete. Damals, als es diese Partei in Ostdeutschland an sich noch nicht gab, versammelte man sich noch im Abgang zu geheimen Zusammenkünften. Die Stasi kam trotz Durchsuchungen nie hinter den Ort sowie das Ziel der Treffen. Seit 2013 ist Frau Raatz Mitglied des Bundestages und dort stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung.

FormatFactoryIMG_0103_editedVon alten Zeiten zur nüchternen Realität

Ebenso verriet sie uns, dass nicht nur wir in den Genuss Meyers selbstgebrauten Bieres gekommen sind. Auch sie traute ihren Augen kaum, was am IEC noch so alles gemacht wird. Manchmal wurde sogar Kölsch zum Test gebraut.

„So, jetzt möchte ich euch aber auch mal etwas fragen“, leitete Frau Raatz über. Sie wolle gerne wissen, wie man nach Ansicht des StuRa die Studierendenzahl an der Universität stabil hält bzw. weiter steigert und welche Lösungsvorschläge wir in Bezug auf wirksamere Studienwerbung hätten. „Während Freiberg den meisten sächsischen Schülern ein Begriff ist, ist die Universität in anderen Bundesländern weniger bekannt, viele Lehrer haben die Universität nicht auf dem Schirm. Selbes gilt dann natürlich für die Abiturientinnen und Abiturienten“, so Linus Walter, Student an der TU. Des Weiteren träumen viele Schulabgänger von großen Städten und der weiten Welt. Freiberg erfüllt keines der beiden Kriterien, auch wenn bei uns die Welt zu Gast ist. Wer einmal an der Bergakademie studiert, der hat meist weder Zweifel an der Qualität der Lehre noch an der Quantität der Attraktionen. Die TU Freiberg steht nicht nur für den Bergbau sondern für die gesamte Wertschöpfungskette von der Förderung, über die Verarbeitung und Halbzeugfertigung bis hin zur Anwendung, jeder Punkt begleitet durch den betriebswirtschaftlichen Aspekt und genau dafür und deswegen brauchen wir eine effektive Studienwerbung auf Bundesebene, dies gelingt aus Sicht des StuRas momentan noch nicht so richtig.

Doch alleine mit der Studienwerbung ist es natürlich nicht getan, wichtig sind auch möglichst viele Absolvent*innen, insbesondere in den Ingenieurswissenschaften. Deswegen ging es in dem Gespräch auch um die Zahl der Studierenden, die ihr Studium abbrechen. Wie wir brachte auch Frau Raatz zum Ausdruck, wie wichtig genauere Informationen über die Abbruchphase im Studium sind. So werden zum Beispiel Personen, die umziehen und nur den Studienort wechseln, aber nicht das Studienfach als Abbrecher*innen gezählt. Deswegen befürwortet auch Frau Raatz eine Novellierung des Hochschulstatistikgesetzes, um eine genauere und einheitliche Erfassung der Zahlen durch die Universitäten zu erwirken. Doch ob dadurch besser festgestellt werden kann, welche Maßnahmen gegen hohe Abbruchquoten ergriffen werden können, ist natürlich unklar. Trotzdem ist ein wichtiges Arbeitsfeld die Hochschuldidaktik, denn neben der Forschung ist auch die Lehre eine wichtige Aufgabe der Universität. Professor*innen werden häufig nur nach der Qualität ihrer Forschung und nicht nach der Lehre beurteilt. Hier ist die Politik noch auf der Suche nach geeigneten Instrumenten, um das Engagement für die Lehre zu stärken, ohne auf ein amerika-ähnliches hire‘n‘fire System zu setzen, so Raatz.

In diesem Zusammenhang kamen wir auch auf die Thematik Regelstudienzeit zu sprechen. Diese wird von Studierendenvertretungen oft kritisiert. Frau Raatz ist jedoch der Meinung, dass Studierende auch irgendwann mal fertig werden sollten. Immerhin trägt der Steuerzahler die Last. Trotzdem müssen im Studium ausreichend Mobilitätsfenster gegeben sein, um Auslandsaufenthalte, Praktika und Ähnliches zu ermöglichen, ohne z.B. Probleme mit der BAföG zu bekommen. Eine Regelung wie Pflichtpraktika, die in Semesterferien zu erledigen sind (bei uns z.B. im Diplomstudiengang Geotechnik und Bergbau), sollten durch in den Studienplan eingepflegte Zeitfenster ersetzt werden und die Möglichkeit bieten, auch Auslandserfahrung zu sammeln.

Hochschulentwicklungsplan

Frau Raatz war bei den Koalitionsverhandlungen auf Landesebene dabei und ist damals wie heute überrascht von der Ansicht des Koalitionspartners, dass zukünftig nicht mehr als 95.000 Studierende in Sachsen erwartet werden. Ziel der SPD und ihrer eigenen Politik ist stets die Universität zu öffnen und mehr Menschen eine akademische Bildung zu erlauben, unabhängig von finanziellen und gesellschaftlichen Zwängen. Dabei ist es auch ein Ziel, die Durchlässigkeit der Bildungswege zu erhöhen, z.B. mit dem Meister statt dem Abitur an eine Hochschule zu gehen. Wichtig sei jedoch auch, dass neben den Volluniversitäten und den Technischen Universitäten auch Fachhochschulen mit großen Praxisbezug existieren. Diese haben einen eigenen Platz in der Bildungslandschaft. Deswegen lehnt Frau Raatz ein über das kooperative Promotionsrecht hinausgehende Regelung ab.

Vor diesem Hintergrund ging es auch um die BAföG-Mittel, die durch den Bund nach Aufhebung des Kooperationsverbots zu 100 % übernommen wurden. Diese Mittel entlasten nun den Landeshaushalt und fließen zusätzlich in die sächsischen Hochschulen. Die in den Ländern dadurch frei werdenden Mittel sollten in Bildung investiert werden. Hier geht ein Großteil in die Aufstockung der Grundfinanzierung und in Infrastrukturprojekte wie die Bibliothek unserer Universität. Dies ist aus Studierendensicht ein Kritikpunkt, da in der Vergangenheit Infrasturktur/Bauprojekte nicht aus dem Bildunghaushalt finanziert wurden. Trotzdem sind wir natürlich froh darüber, dass die Gelder bei den Hochschule ankommen. In Niedersachsen wurde dagegen mit dem Geld die frühkindliche Bildung ausgebaut.

Ebenfalls ein für Studierende wichtiges Thema bezüglich des Hochschulentwicklungsplans ist die Profilschärfung. So planen die Kultusministerien in Mitteldeutschland (Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen) ihr Studienangebot auch über Ländergrenzen hinweg abzustimmen. Hier findet Frau Raatz es zwar richtig, dass einzelne Standorte ihre Profile spezifiziert ausbauen und dadurch auch Stärken ausbilden, dabei dürften Kleine Fächer nicht vernachlässigt werden. Auch dabie, dass Konkurrenz das Geschäft belebt, und deswegen verschiedene Universitäten ähnliche Studienrichtungen anbieten sollten, sind sich alle einig. Doch ebenfalls wissen alle, dass Geld nicht unendlich vorhanden ist. Frau Raatz möchte sich bei dem Thema nicht richtig festlegen und wechselt bei erster Gelegenheit das Thema.

Aktuell in der Bundespolitik: Pakt für wissenschaftlichen Nachwuchs und Wissenschaftszeitvertragsgesetz

Ein weiteres finanzielles Unterstützungsprogramm seitens der Bundesregierung soll der Vierte Pakt für wissenschaftlichen Nachwuchs und akademischen Mittelbau werden. Dabei stehen über 10 Jahre 1 Milliarde Euro für den Bildungsbereich bereit. Das ist nicht besonders viel, soll allerdings gezielt eingesetzt werden, um Hochschulen zu ermutigen, Personalentwicklungskonzepte vorzulegen und umzusetzen. Des Weiteren sollen 1500 Juniorprofessuren mit Tenure-Treck-Option geschaffen werden, auf ungefähr die Hälfte der Stellen sollen dabei Frauen berufen werden.

Ein anderes Vorhaben der Bundesregierung ist die Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Dieses wurde 2007 geschaffen, um die Möglichkeit zu eröffnen, wissenschaftliche Befristungen an die Laufzeit von Projektgeldern anzupassen. Im Teilzeit- und Befristungsrecht kann alle zwei Jahre eine erneute Befristung für zwei Jahre erfolgen. Das Gesetz sollte damals für wissenschaftliche Kräfte die Möglichkeit eröffnen, auch drei Jahre (reguläre Dauer einer Promotion) oder mehr eine befristete Stelle zu bekommen. Der Effekt war jedoch genau andersherum als beabsichtigt, die Befristungen nahmen teilweise Laufzeiten von einem bis zwei Monaten an. Den heute unter dem Begriff „prekäre Beschäftigungsverhältnisse“ geläufigen Problemen für wissenschaftliche Mitarbeiter*innen soll abgeholfen werden. In einer Novellierung der Gesetzes eine Mindestvertragslaufzeit eingeführt wird, welche an die Projektdauer oder das Qualifizierungsziel gebunden werden soll. Außerdem sollen nicht-wissenschaftliche Beschäftigte, wie Sekretär*innen vom Gesetz ausgenommen werden und fest eingestellt bzw. unter normale Befristungsrichtlinien fallen. Die neuen Regelungen werden laut Raatz bereits zum 1.1.2016 greifen. Der Koalitionspartner trägt diese Novellierung nur mit Bauchschmerzen, regelmäßig hagelte es in der Vergangenheit Kritik von CDU/CSU und auch von Hochschulseite steht der Vorschlag massiv unter Beschuss, so wurde ein Antrag der Studierenden im Senat, der ähnliche Richtlinien für wissenschaftliche Mitarbeiter*innen forderte von einem Großteil der Professor*innen strikt abgelehnt. Doch die Bundestagsabgeordnete ist sich ihrer Sache sicher. „Die Hochschulen müssen auch ein Selbstverständnis als Arbeitgeber entwickeln, um die besten Köpfe in Deutschland zu halten. Exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen nicht an deutsche Einrichtungen, wenn keine Karriereplanung möglich ist“, so Raatz. Welche Eingeständnisse die SPD dafür machen muss, ist noch nicht klar, aber Politik ist immer ein Kuhhandel und der Koalitionspartner wird nicht uneingeschränkt Zugeständnisse machen.

Zurück zum Anfang: Exzellenzinitiative

Ab 2017 wird es eine neue Exzellenzinitiative geben. Diese wird sich anders strukturieren als die bisherige. Für Frau Raatz steht fest, dass auch eine gute Lehre dabei eine Rolle spielen muss. Eine konkrete Ausgestaltung fehlt jedoch noch. Die Frage steht im Raum. „Was kennzeichnet exzellente Lehre und wie kann man diese bewerten?“ Für Frau Raatz ist der beliebte Spruch der SPD „Exzellenz in Breite und Spitze“ nicht ganz einfach. Es versteht sich von selbst, dass nur aus der Breite auch eine Spitze wachsen kann. Aber Geld steht nicht unbegrenzt zur Verfügung und auch in der SPD suchen Wissenschaftspolitiker*innen noch nach einer klaren Definition von Exzellenz. Da ermutigt Frau Raatz auch Studierende sich einzubringen. „Wenn Sie einen Vorschlag oder Ideen haben, dann teilen Sie diese mit! Demokratie lebt von Beteiligung.“